Die in der vergangenen Nacht gelernte Lektion war nicht vergessen. Von den Anwesenden wußten die meisten, was in diesem Notfall zu tun war, und so waren in Sekundenschnelle willige Hände dabei einen Preßverband zu machen. Man schickte nach dem Arzt, und die Dienstboten zogen sich ehrerbietig zurück. Wir hoben Mr. Trelawny zurück aufs Sofa, auf dem er gestern gelegen hatte. Nachdem wir alles in unseren Kräften Stehende für ihn getan hatten, wandten wir unsere Aufmerksamkeit der Krankenschwester zu. Sie hatte sich während des Durcheinanders nicht gerührt und saß da wie vorhin, aufrecht und steif, leise und ganz natürlich atmend und friedlich lächelnd. Da wir vor dem Eintreffen des Arztes mit ihr nichts anzufangen wußten, unterzogen wir die allgemeine Lage einer Begutachtung.

Mrs. Grant hatte mittlerweile ihre Herrin fortgeführt und ihr beim Umkleiden geholfen. Denn Miß Trelawny war nun wieder zur Stelle in Morgenmantel und Pantöffelchen. Die Hände waren vom Blut gesäubert. Sie hatte sich beruhigt, konnte aber ein leises Beben nicht unterdrücken. Ihr Antlitz war totenblaß. Nach einem Blick auf den Arm ihres Vaters und auf mich, der ich den Knebel des Verbandes hielt, ließ sie ihren Blick durch den Raum schweifen, wobei sie die Anwesenden der Reihe nach ansah, ohne hierin Trost finden zu können. Mir war klar, daß sie nicht wußte, wo sie anfangen oder wem sie trauen konnte. Daher sagte ich, um sie ein wenig zu beruhigen:

»Mir fehlt nichts. Ich war nur eingeschlafen.«

Sie schluckte schwer, als sie antwortete: »Eingeschlafen! Sie! Und mein Vater in Lebensgefahr! Und ich dachte, Sie hielten Wache!«

Ich spürte den Stachel in der Zurechtweisung, da ich ihr aber wirklich helfen wollte, sagte ich:

»Ja, nur eingeschlafen. Schlimm, ich weiß, aber um uns herum ist mehr als ein »Nur«. Hätte ich nicht bestimmte Vorkehrungen getroffen, säße ich womöglich da wie die Schwester.«

Sie warf einen hastigen Blick zu der unheimlich wirkenden Gestalt hinüber, die ernst und aufrecht dasaß wie eine bemalte Statue. Miß Trelawnys Miene wurde weich, und sie sagte in ihrer gewohnten höflichen Art:

»Verzeihen Sie! Ich wollte Sie nicht kränken. Aber ich bin so bekümmert und verängstigt, daß ich kaum mehr weiß, was ich rede. Ach, es ist schrecklich! Jeden Augenblick befürchte ich neue Aufregung, neuen Schrecken und ein neues Rätsel.«

Diese Worte schnitten mir tief ins Herz, und aus meinem überströmenden Herzen kam die Antwort:

»Verschwenden Sie keinen Gedanken an mich! Ich verdiene es nicht! Ich sollte Wache halten und schlief ein. Ich kann dazu bloß sagen, daß es nicht meine Absicht war und daß ich es zu verhindern suchte. Doch es übermannte mich, ehe ich es merkte. Nun, es ist geschehen und kann nicht wieder ungeschehen gemacht werden. Vielleicht werden wir alle eines Tages hinter das Geheimnis kommen. Jetzt aber müssen wir versuchen, uns einigermaßen zu vergegenwärtigen, was eigentlich geschah. Sagen Sie mir jetzt, was Sie wissen!«

Das Bemühen sich zu entsinnen schien sie zu beleben. Sie wurde immer ruhiger, während sie berichtete:

»Ich war eingeschlafen und erwachte plötzlich mit demselben schrecklichen Gefühl, Vater wäre in großer und unmittelbarer Gefahr. Ich sprang auf und lief so wie ich war hierher. Es war fast stockfinster, doch als ich die Tür öffnete, konnte ich Vaters Nachtgewand ausmachen, der auf dem Boden unter dem Safe lag, wie in der ersten schrecklichen Nacht. Und dann muß ich wohl einen Augenblick den Verstand verloren haben.« Sie hielt schaudernd inne. Mein Blick blieb nun an Sergeant Daw haften, der sich sinnlos an seinem Revolver zu schaffen machte. Meinen Griff am Knebel nicht lockernd, sagte ich leise:

»Sergeant Daw, sagen Sie uns, worauf sie geschossen haben.«

An Gehorsam gewöhnt riß sich der Polizeidetektiv zusammen. Mit einem Blick in die Runde der verbliebenen Dienstboten, sagte er mit jenem wichtigtuerischen Gehabe, das vermutlich die natürliche Haltung eines Vertreters des Gesetztes vor Fremden ist:

»Meinen Sie nicht, daß wir dem Personal erlauben sollten, sich zurückzuziehen? Dann können wir uns besser in die Sache vertiefen.«

Ich nickte zustimmend. Die Dienstboten verstanden die Andeutung und zogen sich, wenn auch widerstrebend, zurück. Der letzte schloß hinter sich die Tür.

Daraufhin fuhr der Detektiv fort:

»Zunächst berichte ich Ihnen lieber von meinen Eindrücken, als mit einer Aufzählung meiner Handlungen zu beginnen.«

Sein Benehmen ließ auf eine gewisse Verlegenheit darüber schließen, daß ihm die peinliche Situation in der er sich befand, bewußt geworden war. »Ich legte mich halb ausgezogen zu Bett – so wie ich jetzt bin, und steckte den Revolver unters Kissen. Es ist das letzte, woran ich mich erinnere. Wie lange ich schlief weiß ich nicht. Das elektrische Licht hatte ich ausgeschaltet, so daß es im Zimmer ganz finster war. Ich glaubte einen Schrei zu hören, aber sicher bin ich dessen nicht, denn ich hatte einen schweren Kopf wie jemand der nicht ausgeschlafen hat und wieder an die Arbeit muß. Nun, als erstes fiel mir meine Pistole ein. Die nahm ich nun zur Hand und lief hinaus auf den Treppenabsatz. Sodann vernahm ich einen Schrei oder vielmehr einen Hilferuf und rannte in dieses Zimmer hier. Es war dunkel, denn die Lampe neben der Schwester war ausgeschaltet, die einzige Lichtquelle war draußen auf dem Treppenabsatz. Miß Trelawny kniete schreiend neben ihrem Vater. Ich glaubte, ich hätte etwas zwischen mir und dem Fenster sich bewegen gesehen. Ohne zu überlegen schoß ich darauf, halb wach und benommen, wie ich war. Es bewegte sich mehr nach rechts zwischen den Fenstern und ich gab wieder einen Schuß darauf ab. Und dann standen Sie aus Ihrem großen Sessel auf mit all dem Zeug vor dem Gesicht. In meinem benommenen Zustand zwischen Schlaf und Wachen schien mir nun – und ich weiß, daß Sie das in Rechnung stellen werden –, daß Sie es gewesen waren, da sie sich ja in derselben Richtung befanden wie das Ding, auf das ich feuerte. Und so kam es, daß ich wieder schießen wollte, bevor Sie das Zeug abnahmen.«

Daraufhin nahm ich ihn ins Kreuzverhör, mich damit auf vertrautes Gebiet begebend:

»Sie sagten eben, sie hätten geglaubt, ich wäre das Ding, auf das Sie schossen. Welches Ding?«

Der Mann kratzte sich am Kopf und blieb mir die Antwort schuldig.

»Nun, wie sah es aus?« drängte ich.

Seine Antwort kam ganz leise:

»Ich weiß es nicht, Sir. Ich dachte, da wäre etwas. Aber was das war und wie es aussah, davon habe ich nicht die leiseste Ahnung. Vermutlich kam alles so, weil ich an die Pistole noch kurz vor dem Zubettgehen dachte, und als ich hier eindrang, da war ich nur halb bei mir – was Sie in Zukunft hoffentlich bedenken werden.«

An diese Entschuldigung klammerte er sich wie an einen Rettungsanker. Ich wollte uns den Mann ja nicht zum Gegner machen. Im Gegenteil, ich wollte ihn auf unserer Seite haben. Außerdem lastete auf mir der Schatten meines eigenen Versagens. Daher sagte ich mit der größten mir zu Gebote stehenden Liebenswürdigkeit:

»Ganz recht, Sergeant. – Sie haben im ersten Impuls richtig gehandelt. Mann kann schließlich nicht erwarten, daß sie, im Halbschlaf und vielleicht auch unter dem Einfluß stehend, der mich einschlafen ließ und Schwester Kennedy in diese kataleptische Trance versetzte, daß sie innehalten und den Sachverhalt abwägen sollten. Aber lassen Sie uns festhalten, wo Sie standen und wo ich saß, solange wir die Sache noch frisch im Gedächtnis gaben. Wir müßten feststellen können, wo die Kugeln einschlugen.«

Die Aussicht auf sofortiges Handeln und auf die Anwendung seiner Geschicklichkeit machte ihn sofort munter. Er schien ein anderer zu sein, als er sich ans Werk machte. Ich bat Mrs. Grant, sie solle den Knebel des Preßverbandes halten, und ging und stand dort wo er gegangen war und gestanden hatte und wohin er in der Dunkelheit gezielt hatte. Ich konnte nicht umhin festzustellen, daß sein Verstand mit mechanischer Exaktheit arbeitete, als er mir zeigte, wo er gestanden hatte und den Revolver aus der Pistolentasche gezogen und damit angelegt hatte. Der Sessel, aus dem ich mich erhoben hatte, stand noch an derselben Stelle. Dann bat ich ihn, er solle mit seiner Hand zielen, da ich den Weg der Kugel verfolgen wollte.

Hinter meinem Sessel, ein wenig beiseite gerückt, stand ein hoher Intarsienschrank. Die Glastür war zersplittert.

Ich fragte: »War dies die Richtung ihres ersten oder des zweiten Schusses?«

Prompt kam seine Antwort: »Des zweiten. Der erste ging da hinüber!«

Er wandte sich ein wenig nach links, mehr der Wand zu, an der das große Safe stand und zeigte dorthin. Ich folgte der Richtung seines Armes und gelangte zu dem niederen Tisch, auf dem unter anderen Raritäten, die Mumie der Katze stand, die Silvios Zorn erregt hatte. Ich holte mir eine Kerze und konnte nun ganz leicht den Weg feststellen, den die Kugel genommen hatte. Sie hatte eine kleine Glasvase zerbrochen, und eine flache Zierschale aus schwarzem Basalt mit kunstvoll eingravierten Hieroglyphen, deren Linien mit feinem grünen Pulver ausgefüllt und schließlich glattpoliert worden waren. Die vom Anprall gegen die Wand flachgedrückte Kugel lag auf dem Tisch.

Sodann ging ich an den zerbrochenen Schrank, der offensichtlich als Aufbewahrungsort für wertvolle antike Raritäten diente. Darin befanden sich etliche große Skarabäen aus Gold, aus Achat, grünem Jaspis, Amethyst, Lapislazuli, Opal, Granit und blaugrünem Porzellan. Zum Glück waren diese Dinge unversehrt geblieben. Die Kugel hatte die Hinterwand des Schrankes durchschlagen, doch war bis auf das zerbrochene Glas kein Schaden entstanden. Mir fiel die seltsame Anordnung der Stücke im Schrank auf. Sämtliche Skarabäen, Ringe, Amulette und ähnliches waren in einem ungleichmäßigen Oval rund um eine kunstvoll gearbeitete goldene Miniaturfigur eines adlerköpfigen Gottes gruppiert, den ein federngeschmückter scheibenförmiger Kopfschmuck krönte. Im Moment aber hatte ich keine Zeit für weitere Einzelheiten, denn meine Aufmerksamkeit wurde von dringenderen Umständen in Anspruch genommen. Bei Gelegenheit aber wollte ich hier genauer Nachschau halten. Mir war nämlich aufgefallen, daß der seltsame orientalische Geruch zum Teil von diesen Raritäten ausging. Durch die zerbrochene Glastür drang zusätzlicher Duft nach Gewürzen und Harz, stärker als von den anderen im Raum befindlichen Gegenständen.

Das alles hatte nur wenige Minuten in Anspruch genommen. Ich war nicht wenig erstaunt, als meine Augen das hellere Tageslicht durch die Spalten zwischen dunklen Jalousien und den Fensterrahmen wahrnahmen. Als ich ans Sofa trat und von Mrs. Grant den Knebel übernahm, ging sie ans Fenster und zog die Jalousien hoch.

Es ließ sich kaum etwas Unheimlicheres vorstellen, als jener im grauen Frühmorgenlicht daliegende Raum. Da alle Fenster nach Norden gingen, war das einfallende Licht von einem unveränderlichen Grau, ohne die rosige Verheißung des östlichen Himmelsgeviertes. Das elektrische Licht wirkte trüb und grell gleichermaßen. Und alle Schatten traten hart und intensiv hervor. Da war nichts von Morgenfrische und nichts von nächtlicher Sanftheit. Alles war hart und kalt und unaussprechlich trübe. Das Antlitz des Bewußtlosen auf dem Sofa wirkte unheimlich gelb, während das Gesicht der Krankenschwester einen grünen Schimmervom Schirm der neben ihr stehenden Lampe abbekommen hatte. Allein Miß Trelawnys Gesicht war weiß, ja es war so bleich, daß es mir im Herzen weh tat. Es sah aus, als könne ihm nichts auf Gottes Erde jemals wieder die Farbe des Lebens und des Glücks zurückbringen.

Für uns alle war es eine große Erleichterung, als Doktor Winchester eintraf, atemlos vom Laufen.

»Kann jemand mir etwas darüber sagen, wie diese Wunde zugefügt wurde?«

Auf unser allgemeines Kopfschütteln hin, machte er sich stumm ans Werk. Er sah kurz zu der reglos dasitzenden Schwester Kennedy auf, beugte sich dann aber wieder mit ernst gerunzelter Stirn über den Kranken. Erst als die Arterien abgebunden und die Wunden voll und ganz versorgt war, äußerte er wieder eine Frage:

»Was ist mit Schwester Kennedy?«

Miß Trelawny antwortete, ohne zu zögern:

»Ich weiß es nicht. Als ich um halb drei hereinkam, saß sie genauso da. Wir haben sie weder bewegt noch ihre Stellung verändert. Sie ist seither auch nicht aufgewacht. Nicht einmal Sergeant Daws Pistolenschüsse konnten sie wecken.«

»Pistolenschüsse? Wurde denn für diesen neuerlichen Überfall ein Grund entdeckt?« Da niemand etwas sagte, gab ich zur Antwort:

»Wir konnten nichts entdecken. Ich hielt hier mit Schwester Kennedy Nachtwache. Schon früher am Abend hatte ich das Gefühl, daß diese Mumiengerüche mich einschläferten. Ich ging daher aus dem Haus und kaufte ein Atemgerät. Als ich mit meiner Wachschicht begann habe ich das Ding aufgesetzt. Es hielt mich jedoch nicht davon ab, einzuschlafen. Als ich erwachte, war der Raum voller Menschen, nämlich Miß Trelawny, Sergeant Daw und das Hauspersonal. Die Schwester saß in ihrem Sessel, wie ich sie vorher gesehen hatte. Sergeant Daw, der noch nicht ganz wach war und der sich von demselben Geruch oder Einfluß betäubt fühlte wie wir alle, glaubte, er hätte gesehen, wie sich im Dunkeln etwas bewegte, und gab zwei Schüsse ab. Und als ich mich daraufhin aus meinem Sessel erhob, vor dem Gesicht noch immer das Atemgerät, da hielt er mich für die Ursache des Aufruhrs. Er wollte erneut schießen, doch mir glückte es rechtzeitig mich zu erkennen zu geben. Mr. Trelawny lag unter dem Safe wie gestern nacht, und blutete heftig aus seiner neuen Armwunde. Wie hoben ihn aufs Sofa und verfertigen einen Preß verband. Das ist buchstäblich alles, was wir alle bislang wissen. Wir haben das Messer nicht berührt, das neben der Blutlache liegt. Sehen Sie!« Sagte ich. Ich ging hin und hob es hoch.

»Die Spitze ist rot von getrocknetem Blut.«

Doktor Winchester stand eine ganz Weile still, ehe er sagte: »Dann sind die Vorgänge dieser Nacht ebenso geheimnisvoll wie die von gestern?«

»Ganz recht!« gab ich zurück. Er antwortete darauf nicht, sondern wandte sich an Miß Trelawny: »Wir sollten Schwester Kennedy in einen anderen Raum schaffen. Dem steht doch nichts im Wege, oder?«

»Nein, keineswegs«, antwortete sie. »Bitte, Mrs. Grant, sorgen Sie dafür, daß Schwester Kennedys Zimmer in Ordnung gebracht wird. Zwei Mann vom Personal sollen kommen und sie hinschaffen.«

Mrs. Grant lief hinaus. Nach wenigen Minuten war sie wieder zur Stelle.

»Das Zimmer ist bereit, die Männer sind da.« Auf ihre Anweisung hin betraten zwei Diener das Zimmer, hoben den starren Körper von Schwester Kennedy unter der Aufsicht des Arztes aus dem Sessel und trugen ihn hinaus. Miß Trelawny blieb mit mir im Krankenzimmer, während Mrs. Grant mit dem Arzt in Schwester Kennedys Zimmer ging. Kaum waren wir allein, kam Miß Trelawny zu mir und sagte, meine beiden Hände erfassend:

»Hoffentlich vergessen Sie bald, was ich sagte. Ich habe es nicht so gemeint und war außer mir.«

Ich sagte darauf nichts, sondern hielt ihre Hände und küßte sie. Nun gibt es verschiedene Arten, die Hände einer Dame zu küssen. So, wie ich es tat, war es als Ausdruck der Ehrerbietung und des Respekts gemeint, und es wurde auch so aufgefaßt, damenhaft und wohlerzogen, wie Miß Trelawny sich in ihrer ganzen Art zeigte. Ich trat ans Sofa und sah hinunter auf den Bewußtlosen. In den letzten Minuten war die Dämmerung fortgeschritten, und das Licht hatte etwas von der Klarheit des Tages mit sich gebracht. Während ich das strenge, kalte, ernste Gesicht ansah, das weiß wie Marmor aussah in dem hellgrauen Licht, überkam mich von neuem das Gefühl, daß hinter dem Geschehen der letzten sechsundzwanzig Stunden ein tiefes Geheimnis stecken müsse. Diese buschigen Brauen schirmten eine gewichtige Absicht ab; die hohe, breite Stirn barg einen ausgeklügelten Gedankengang, den das breite Kinn und die massige Kieferpartie in die Tat umsetzen halfen. Während ich ihn ansah und mir diese Fragen stellte, überkam mich wieder eine Phase abschweifender Gedanken, wie sie letzte Nacht dem Einschlafen vorangegangen war. Ich leistete heftig Widerstand und klammerte mich fest an die Gegenwart. Dies fiel mir viel leichter, als Miß Trelawny nahe zu mir kam und, die Stirn an meine Schulter gelehnt, leise zu weinen begann. Da erwachte in mir männlicher Beschützerinstinkt und trat in Aktion. Worte hatten nur wenig Zweck, denn sie konnten die Gedanken nicht wiedergeben. Und doch verstanden wir einander. Sie rückte nicht ab, als ich ihr den Arm schützend um die Schulter legte, wie ich es vor langer Zeit bei meiner kleiner Schwester getan hatte, die sich in ihren kindlichen Kümmernissen gern vom großen Bruder trösten ließ. Allein diese Geste oder Haltung, die schützend wirken sollte, stärkte meine Zielstrebigkeit und schien gleichzeitig die müßigen, verträumten Gedankenwanderungen aus meinem Kopf zu fegen. Als ich jedoch von draußen Doktor Winchesters Schritte hörte, da zog ich, einem höheren Schutzinstinkt folgend, meinen Arm zurück.

Doktor Winchester trat ein und besah sich den Patienten eingehend, ehe er zum Sprechen ansetzte. Schließlich aber sagte er:

»Zwischen dem Schlafzustand Ihres Vaters und dem Schwester Kennedys besteht große Ähnlichkeit. Welchen Einfluß immer die Ursache sein mag, er ist in beiden Fällen auf gleiche Weise wirksam geworden. Im Falle der Schwester ist das Koma weniger ausgeprägt. Ich werde das Gefühl nicht los, daß wir bei ihr mehr tun können und vor allem rascher als bei diesem Patienten, da bei ihr unsere Hände nicht gebunden sind. Ich habe sie in Zugluft gelegt, und sie weist bereits Anzeichen, wenn auch nur sehr schwache, einer gewöhnlichen Bewußtlosigkeit auf. Die Starre der Glieder läßt nach, die Haut scheint mir empfindlicher – oder besser gesagt weniger unempfindlich – gegen Schmerz.«

»Wie kommt es dann«, fragte ich, »daß Mr. Trelawny sich noch immer im Zustand der Gefühllosigkeit befindet, wenn doch soweit wir wissen, sein Körper diese Starre gar nicht aufweist?«

»Diese Frage kann ich nicht beantworten. Vielleicht werden wir das Problem in wenigen Stunden lösen können. Oder in wenigen Tagen. Doch wird es für uns alle eine nützliche Lektion im Stellen von Diagnosen sein! Vielleicht sogar für sehr viele, die nach uns kommen – wer weiß?« setzte er mit dem echten Feuer der Begeisterung hinzu.

Im Laufe des Morgens flitzte er ständig zwischen den beiden Krankenzimmern hin und her und überwachte gewissenhaft beide Patienten. Er ließ Mrs. Grant bei Schwester Kennedy bleiben, während Miß Trelawny und ich, meist aber beide, bei dem Verwundeten blieben. Und irgendwie schafften wir es, daneben ein Bad zu nehmen und uns anzukleiden. Während wir frühstückten blieben der Doktor und Mrs. Grant bei Mr. Trelawny.

Sergeant Daw machte sich auf den Weg zu Scotland Yard, um von den nächtlichen Vorgängen Bericht zu erstatten, sodann zur zuständigen Polizeistation, um sich, wie mit Dolan besprochen, die Mitarbeit seines Kollegen Wright zu sichern. Bei seiner Rückkehr wurde ich den Eindruck nicht los, daß ihm ordentlich die Leviten gelesen worden waren, weil er in einem Krankenzimmer geschossen hatte, oder gar, weil er ohne ausreichenden Grund überhaupt geschossen hatte. Seine diesbezügliche Bemerkung brachte Licht in die Sache:

»Ein guter Charakter gilt also doch noch etwas, egal was immer behauptet wird. Sehen Sie, ich darf meine Dienstwaffe weiterhin tragen.«

Dieser Tag sollte sich in die Länge ziehen und viel Bangigkeit mit sich bringen. Gegen Abend hatte sich Schwester Kennedys Zustand so weit gebessert, daß die Starre der Gliedmaßen verschwunden war. Ihr Atem kam ruhig und gleichmäßig. Doch der starre Gesichtsausdruck, der ja sehr ruhig gewirkt hatte, war schlaffen Lidern gewichen und anderen, weniger auffälligen Anzeichen tiefen Schlafes. Doktor Winchester hatte zwei weitere Krankenschwestern ins Haus gebracht, von denen die eine bei Schwester Kennedy wachte, während die andere sich mit Miß Trelawny abwechselte, die darauf bestanden hatte, wach zu bleiben. Als Vorbereitung auf die Nachtwache hatte sie nachmittags mehrere Stunden geschlafen. Wir alle hatten beratschlagt und hatten uns geeinigt, wie die Wache bei Mr. Trelawny ablaufen sollte. Mrs. Grant sollte bis zwölf beim Patienten bleiben, worauf Miß Trelawny sie ablösen würde. Die neue Krankenschwester sollte in Miß Trelawnys Zimmer bleiben und im Krankenzimmer viertelstündig Nachschau halten. Der Doktor wurde bis zwölf eingeteilt, sodann sollte ich ihn ablösen. Einer der Detektive hatte Auftrag, sich die ganze Nacht über in Rufweite des Zimmers aufzuhalten und in gewissen Abständen nachzusehen, ob alles in Ordnung wäre. Auf diese Weise würden die Bewacher bewacht. Und die Möglichkeit solcher Ereignisse wie tags zuvor, als die Nachtwachen überlistet wurden, war vermieden.

Bei Sonnenuntergang wurden wir alle von einer seltsamen und tiefgreifenden Bangigkeit erfaßt. Und jeder bereitet sich auf seine Weise auf die Nachtwache vor. Doktor Winchester war mein Atemgerät nicht aus dem Kopf gegangen, denn er sagte, er wolle sich auch eines besorgen. Ja, er stand der Idee so wohlwollend gegenüber, daß ich Miß Trelawny überredete, sich ebenfalls ein solches zu verschaffen, das sie anlegen konnte, wenn ihre Wache gekommen war.

Und so zog die Nacht sich hin.

 

Die sieben Finger des Todes
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